Regisseur Hugo Niebeling 1931-2016

Oscar-nominierter Film-Regisseur im Alter von 85 Jahren gestorben

Am 9. Juli 2016 starb Hugo Niebeling in Hilden. Er wurde 85 Jahre alt. Am 14. Juli wurde er im Kreise seiner Familie und Freunde beigesetzt. Neben einer Oscar-Nominierung 1962 erhielten seine Filme mehrfach den „Deutschen Filmpreis in Gold“ und wurden auch vielfach durch hohe internationale Auszeichnungen geehrt. Er gilt als Mitbegründer sowohl des modernen Industriefilms als auch, wie Hollywood noch kürzlich urteilte, der modernen Musikvideo-Ästhetik; bis zuletzt war er als Regisseur aktiv.

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Hugo Niebeling (1931-2016) im Dezember 2014; Foto: Alexander Tuschinski, CC-BY-SA 4.0

Niebeling gehörte seit den 1950er Jahren zu den bekanntesten und prominentesten Regisseuren des neueren Wirtschaftsfilms und ein Jahrzehnt später auch des Tanz- und Musikfilms. Seine frühen Wirtschaftsfilme, beispielsweise „Stählerne Adern“ (1956), „Stahl – Thema mit Variationen“ (1960) und „Alvorada – Aufbruch in Brasilien“ (1962) gelten als Klassiker des Industriefilms. Abgesehen von der Auszeichnung „Bundesfilpreis/Filmband in Gold“, das die meisten seiner Filme erhielten, wurde „Stahl – Thema mit Variationen“ auf der dokumenta von 1997 in Kassel als bester Industriefilm der Jahre 1957-1997 gekürt; „Alvorada – Aufbruch in Brasilien“ wurde als bisher einziger Wirtschaftsfilm für den Oscar der Filmakademie in Los Angeles nominiert.

Einem breiteren Publikum bekannt machten ihn seine Verfilmungen von Beethoven-Sinfonien, gespielt von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung des Dirigenten Herbert von Karajan. Roger Willemsen nannte Niebelings Film zu Beethovens „Pastorale“ eine „Nie wieder erreichte Vervollkommnung der Umsetzung von Musik ins Bild.“

Als „Bild gewordene Musik mit den Mitteln des Körpers“ gelten auch seine Musik- und Tanzfilme, die er beispielsweise mit dem New York City Ballett unter dessen Leiter und Choreographen George Balanchine gestaltete und die ausnahmslos von ihm selbst geschnitten wurden. Bei der Verfilmung des Balletts „Giselle“ von Adolphe Adam mit dem American Ballet Theatre wurde besonders gerühmt, dass der Regisseur mit seinem Team erstmalig zum gleichberechtigten Partner des Choreographen und des Balletts wird – diese „unmögliche Kunst ist erst durch Niebeling für den Film möglich geworden.“

Niebeling wurde am 2. Februar 1931 in Düsseldorf geboren. Sein früher Berufswunsch, Dirigent zu werden, wurde geweckt durch die Schallplatten, die er als Kind in dem von der Großmutter gegründeten Musikhaus in Düsseldorf hörte; hier waren es besonders die Aufnahmen der Klassik, die sein besonderes Interesse fanden. Allerdings verwehrten die Kriegsereignisse und schließlich die Vernichtung der Existenz durch die Bombardierung des Musikgeschäfts in Düsseldorf und die Konfiszierung der nach Mitteldeutschland verlagerten Instrumente, Noten und Platten durch die sowjetische Besatzung die Erfüllung. Der Musik galt jedoch auch fortan seine große Liebe, die sein weiteres künstlerisches Schaffen in ganz besonderer Weise prägen sollte. Einen Teil der Kriegsjahre verbrachte Hugo Niebeling mit seinen Mitschülern erst im Süddeutschen und dann in Thüringen. Dabei wurden sie betreut von dem Kunstlehrer Prechtl, einem Schüler von Paul Klee.

Nach dem Abitur am realgymnasialen Zweig des humanistischen Hindenburg-Gymnasium (heute Humboldt-Gymnasium) Ostern 1951 zog es ihn auf die Theaterbühne. Sein Vater bestand jedoch zunächst auf einer kaufmännischen Lehre, die Niebeling bei dem renommierten Unternehmen Mannesmann absolvierte. Gleichzeitig absolvierte er eine Schauspielausbildung bei einem Mitglied des Ensembles von Gustaf Gründgens. Bei Mannesmann durchliefen die Auszubildenden alle Abteilungen. Als Niebeling in die Werbeabteilung versetzt wurde, sah sich der Schauspieleleve wiederholt mit dem Wunsch konfrontiert, Vorschläge für eine Neugestaltung des 1936/37 von dem Filmavantgardisten Walter Ruttmann realisierten Films „Mannesmann“ zu erarbeiten. Obwohl er sich sträubte, weil s. E. Theater und Film Gegensätze waren, gab er schließlich nach. Seine Vorschläge fanden den Beifall nicht allein seines Abteilungschefs, sondern auch des Konzern-Vorstands, der diese zur Umsetzung einer Filmproduktionsgesellschaft übergab.

Nach erfolgreichem Abschluss seiner Lehre setzte Niebeling das Schauspielstudium fort; den Unterhalt verdiente er sich u. a. als Vertreter für Haarnadeln. Sein erstes Engagement erhielt er am Theater in Augsburg. Dort spielte er kleine Nebenrollen, erhielt jedoch auch die Regie für die Inszenierung des Lustspiels „Leonce und Lena“ von Georg Büchner. Noch im ersten Jahr seiner neuen Tätigkeit sah er sich mit dem Wunsch von Mannesmann konfrontiert, den von ihm während seiner Ausbildung in Düsseldorf vorgeschlagenen Film, dessen Gestaltung durch die Filmproduktionsgesellschaft nicht das Gefallen des Vorstands gefunden hatte, zu realisieren. Er wurde freigestellt und schuf sein Erstlingswerk „Stählerne Adern“. Es war, wie er später in einem Gespräch gestand, die schönste Zeit seines beruflichen Lebens. Er hatte freie Hand und verfügte über alle Möglichkeiten.

Nach Abschluss der Arbeiten kehrte er in sein Engagement nach Augsburg zurück; allerdings nur für kurze Zeit. Denn nachdem der Film die höchste deutsche Auszeichnung, das Filmband in Gold,  erhalten hatte, warb ihn Mannesmann als freien Mitarbeiter seiner neuen firmeneigenen Filmproduktionsgemeinschaft ab. Hier schuf er weitere bahnbrechende Industriefilme. Dabei kam nun der Musik, nicht selten in einer Kombination von Klassik und moderner elektronischer Musik, beispielsweise von Oskar Sala, eine besondere Bedeutung zu. Nach der Trennung von Mannesmann im Jahre 1962 schuf Niebeling weitere herausragende Filmwerke für andere Industrieunternehmen, beispielsweise Aral und Bayer.

In dem Film „Petrol“ wird die bildmusikalische, bildrhythmische Gestaltung noch dadurch gesteigert, dass die Baumaschinen in der Wüste im Takt der Musik von Vivaldi tanzen. Das erregte die Aufmerksamkeit des Dirigenten Herbert von Karajan. Ab den späten 1960er Jahren begann Niebeling, Musik- und Tanzfilme zu drehen, die eine sehr neuartige, von der Musik inspirierte Bildsprache hatten. Diese prägen bis heute den Musikfilm und etablierten erstmals zahlreiche neue  visuelle Techniken. Nach dem Film „Pastorale“, der Musik und Bild durch experimentelle Kameraarbeit, Schnitt und Beleuchtung verschmelzen lässt, drehte Niebeling mit Karajan zusammen Filme zu Beethovens dritter und siebter Sinfonie. Beide wurden von Karajan gegen Niebelings Willen umgeschnitten. Niebelings Schnittfassungen, die 2010 bzw. 2016 veröffentlicht wurden, erhielten zahlreiche positive Rezensionen.

1990 realisierte Niebeling in Eigeninitiative Bachs Johannes-Passion als Spielfilm im Speyrer Dom. Diesen Film – den er fast 30 Jahre lang plante – sah er als eines seiner Hauptwerke. Es handelt sich in der Tat um ein außergewöhnliches Filmprojekt, das sich, wie Joachim Thommes in seiner Düsseldorfer Dissertation von 2008 über das Thema „Die Mannesmann Filmproduktion unter besonderer Berücksichtigung des Filmemachers Hugo Niebeling. Ein Beitrag zur Erforschung des deutschen Wirtschafts- und Industriefilms“ (1947-1987) festgestellt hat, der Einordnung in ein Filmgenre oder der Zuordnung zu einem Gattungsbegriff widersetzt. Das erklärt vielleicht, warum dieser am meisten und immer noch regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlte und auch in den Kinos gezeigte Niebeling-Film keine Auszeichnungen erhielt. Die FAZ-Journalistin Ellen Kohlhaas sieht in ihm den „gelungenen Kontrapunkt von Bild und Ton“; der Stoff „wird nicht plan abgebildet, sondern es wird gegen ihn gehandelt und holt ihn so – paradoxerweise – gerade dadurch musikalisch wieder ein.“

Viele weitere große Filmprojekte, u. a. die Matthäus-Passion und die „Chaconne“ für Violine solo, beide von Bach, wurden akribisch bis hin zur schauspielerischen Besetzung und der Auswahl der Drehorte vorbereitet. Die Realisierung scheiterte jedoch aufgrund nicht ausreichender finanzieller Mittel. In den letzten Jahren digitalisierte und restaurierte Hugo Niebeling zahlreiche seiner älteren Werke, um sie in bestmöglicher Qualität zu erhalten. Zudem war er bis zuletzt als Regisseur aktiv – 2015 veröffentlichte er den Kurzfilm „Apotheose des Tanzes“ und half, seine Schnittfassung des Films zu Beethovens siebter Sinfonie zu rekonstruieren.

2013 und 2015 fanden zwei große Retrospektiven zu Niebelings Werken in Berlin und Hollywood statt, bei denen sein Einfluss auf die moderne Filmsprache besonders gewürdigt wurde. Joachim Thommes hat neben seiner bereits erwähnten Dissertation weitere Bücher zu Hugo Niebeling und seinem Schaffen veröffentlicht: „In jeden dieser Filme wollte ich Kunst reinbringen, soviel ich nur konnte“ – Hugo Niebeling, die Mannesmann-Filmproduktion und der bundesdeutsche Wirtschaftsfilm 1947-1987, Essen 2008; Hugo Niebeling- Portrait eines Filmemachers, Essen 2008. Ein ebenso informativer wie einfühlsamer Beitrag von Axel Fuhrmann über Leben und Werk von Hugo Niebeling wurde am 5. Juli 2014 im WDR ausgestrahlt; siehe dazu das Gespräch Fuhrmanns mit Niebeling „Mit Licht schreiben“. Auch Wikipedia informiert über Hugo Niebeling, den das langjährige Wirtschafts- und Industriefilm-Jurymitglied Peter Waury nicht allein als einen Avantgardisten, sondern „als einen in jeder Hinsicht Besonderen“ bezeichnete.

(Prof. Dr. Horst A. Wessel, Heinrich-Heine Universität Düsseldorf)

Foto: Alexander Tuschinski, CC-BY-SA 4.0
File:HugoNiebelingFotoAlexanderTuschinski.jpg
Erstellt: 31. Dezember 2014

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